Interview mit Jörg Brüggemann

„Ich hab mir irgendwann mal geschworen, ein gutes Bild, das ich sehe, nicht noch mal vergehen zu lassen, weil ich zu feige oder zu faul war.“ Jörg Brüggemann

aus der Serie "Metalheads" © Jörg Brüggemann

Für diese guten Motive reist Ostkreuz-Fotograf Jörg Brüggemann um die ganze Welt – von Feuerland bis Indonesien, durch die USA und Israel.
Auf seinem Flug Richtung San Fransisco für sein freies Projekt „Metalheads“ nahm er sich netterweise die Zeit, ein paar Fragen zu seinem Werdegang und seiner Arbeit zu beantworten. Wie er zu Auftragsarbeiten steht, er sich als Fotograf motiviert und welchen Rat er an die zukünftigen Bildredakteure hat, könnt ihr nachfolgend lesen.

1. Mit welcher Kamera fotografierst du meistens und in welchem Format?

 

Ich fotografiere vor allen Dingen analog. Mit einer Mamiya 7 I und einem 80er Objektiv. Das Format der Kamera ist ein Mittelformat 6×7. Manchmal leih ich mir für Jobs eine Canon 5D von einem Freund.

2. Hast du bereits während deines Studiums gewusst, wie der Markt für Fotografen ungefähr aussieht – und bist du heute mit deiner Position darin zufrieden?

Ich hab schon während des Studium einen Punkt gehabt, an dem ich das Gefühl hatte, mir den Markt vor dem Diplom ansehen zu müssen, um nicht daran vorbei zu fotografieren. Deshalb hab ich ein Praktikum in der Agentur Ostkreuz gemacht. In der Zeit ist mir klar geworden, dass es nicht leicht wird, mit diesem Beruf Geld zu verdienen und gleichzeitig glücklich zu werden mit dem was man macht. In Anbetracht dessen bin ich sehr zufrieden, wie die ersten drei Jahre seit meinem Abschluss verlaufen sind.

3. Wie ist deine Position zu Auftragsarbeiten – notwendiges Übel oder klasse Möglichkeit der zusätzlichen Wahrnehmung in der Öffentlichkeit und finanzielle Stütze?

Es ist vor allen Dingen eine klasse Möglichkeit seinen Horizont zu erweitern. Es ist gut auch außerhalb der eigenen Welt und Interessen, seine Umwelt fotografisch zu reflektieren. Man […] beschäftigt sich mit Themen, zu denen man sonst keinen Kontakt hätte. Das kann dann auch ein guter Einfluss auf die freie Arbeit sein. Es ist wichtig, dass man diese Jobs genauso ernst nimmt, wie seine freien Projekte, sonst hat man bald keine mehr und nimmt die freien Projekt irgendwann auch nicht mehr ernst. Ich bin kein Mensch, der nur eine Sache machen kann und in seinem eigenen Saft brät. Dann langweile ich mich.

 

4. Was, glaubst du, spricht die Leute an deinen Arbeiten an? Und was ist dir selbst bei deiner Fotografie wichtig?

Der erste Teil der Frage ist natürlich nicht so leicht zu beantworten. Ich vermute, dass die Leute es mögen, dass meine Arbeiten teilweise Humor haben ohne sarkastisch zu sein, das ist sie positiv sind ohne unreflektiert zu sein und das ich teilweise Themen bearbeite, die neu sind. Das wäre dann auch, was mir selbst wichtig ist.

aus der Serie "Metalheads" © Jörg Brüggemann

5. Du hast mal im Zusammenhang mit der „Metalheads“-Reihe gesagt, dass du einen Hang zu globalisierten Jugendbewegungen hast – könnte das auch in 5 Jahren noch ein Thema deiner Arbeiten sein?

Schwierig zu sagen, was in fünf Jahren ist… Ich glaube, dass unsere Welt sich gerade in einem Veränderungsprozess befindet, der noch nicht am Ende ist. So langsam merkt man welchen Einfluss das Internet auf unsere Gesellschaft hat, man schaue nur nach Nordafrika. Die Jugend ist nun mal immer die Speerspitze von gesellschaftlichen Veränderungen und ich finde die Vorstellungen, dass wir uns weltweit immer besser verstehen, weil wir den gleichen kulturellen Hintergrund haben, sehr faszinierend. Ich bin gespannt, wie die Welt wird, wenn die Generation Facebook mal an die Macht kommt. In sofern kann es gut sein, dass ich an dem Thema dran bleibe.

6. Wie findest du den Zugang zu deinen Themen und portraitierten Personen? Suchst du die Orte wegen der Geschichte auf oder findest du die Geschichte an bestimmten Orten?

 

Zunächst einmal lese ich viel Zeitung und im Internet. Außerdem guck ich  relativ viel Fernsehen. Bei einer bewussten Auswahl, kann man im deutschen TV viel Interessantes entdecken. Es ist wichtig, dass man weiß worüber gerade gesprochen wird, damit man versteht, was auch andere interessieren könnte und wie diese Themen im Gesamtkontext funktionieren. Dann brauch ich eine persönliche Beziehung zum Thema. Ich bin z.B. selbst als Backpacker gereist bevor ich sie fotografiert habe und ich bin als Teenager mit Metal sozialisiert worden. Normalerweise suche ich die Orte wegen einer Geschichte auf, aber es ist auch schon passiert, dass ich vor Ort eine Geschichte gefunden habe.

7. Ist die Kamera für dich die Möglichkeit, mit Leuten in Kontakt zu kommen oder eher etwas, wohinter man sich verstecken kann? Hattest du jemals eine Scheu, Menschen zu fotografieren und wenn ja, wie hast du sie überwunden?

Die Kamera ist definitiv eine Möglichkeit für mich, mit Leuten in Kontakt zu kommen, vor allen Dingen mit Menschen, mit denen ich sonst nichts zu tun hätte. Ich kann sehr kritisch sein mit Menschen, die anderes sind als ich. Die Fotografie lehrt mich immer wieder, demütiger zu sein.

Ich hab jedes Mal wieder Scheu fremde Menschen zu fotografieren. Es ist besser geworden, aber es bleibt eine Überwindung. Ich hab mir irgendwann mal geschworen, ein gutes Bild, das ich sehen, nicht noch mal vergehen zu lassen, weil ich zu feige oder zu faul war. Seitdem mache ich mir selbst genug Druck und werde eigentlich auch fast immer belohnt.

 

8. Du hast auch zeitweise als Fotoredakteur gearbeitet – hilft die Erfahrung dir beim Editieren der eigenen Serien?

Ich hab nur mal eine halbjährige Vaterschaftsvertretung gemacht und ich muss ehrlich sagen, dass mir das unglaublich schwer gefallen ist, beides zu machen. Ich wollte immer alles so, wie ich es fotografieren würde, was natürlich der vollkommen falsche Ansatz für einen Bildredakteur ist. Es war auf jeden Fall eine gute Erfahrung, mal die andere Seite zu sehen, weil man versteht wie Bildredakteure ticken. Aber ich würde nicht sagen, dass mir die Erfahrung beim Editieren meiner eigenen Serien hilft. Da fehlt mir immer noch oft die Distanz.

9. Und zum Abschluss: Hast du einen Rat an werdende Fotoredakteure?

Traut Euch was, bildet Euch und kämpft für Eure Meinung… und seid entspannt.

 

Sehr empfehlenswert außerdem: www.joergbrueggemann.com

zur Person: Das Praktikum in der Agentur Ostkreuz sollte dem Studenten für Integriertes Design an der Kunsthochschule Bremen eigentlich nur praxisnahe Einblicke in die Arbeit eines Fotografen geben. Nach dem Praktikum blieb er jedoch als freier Mitarbeiter, für Email-Newsletter, Magazinarchiv und Festivals. Den Ostkreuzblog und die Facebook-Seite betreut er noch heute – nur ist er nun seit fast zwei Jahren selbst Mitglied der Agentur.

Fotos aus der Serie “Metalheads”.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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