Was denken Sie, Herr Kaufhold? Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror im C/O Berlin.

Mit der Ausstellung „Unheimlich vertraut. Bilder vom Terror.“ veranschaulicht C/O Berlin die Bandbreite medialer Berichterstattung von Terrorakten über Jahrzehnte. Die dargestellten, historischen Ereignisse reichen von München 1972 über den RAF-Terror bis zum 11. September 2001 in New York.

Die Bildredaktionsklasse hat die Ausstellungen gemeinsam mit Fotohistoriker und OKS Dozent Enno Kaufhold besucht und ihn gefragt, wie er den Wandel in der Terrorberichterstattung wahrnimmt und wie das abwechslungsreiche Ausstellungskonzept die komplexe Thematik dem Besucher vermittelt. Fragen von Frauke Schnoor und Carla Rosorius.

Die Themen der Ausstellung werden sowohl durch journalistisches Material als auch künstlerische Rezeptionen veranschaulicht. Dabei wird deutlich, dass sich die Darstellung von Terror über die Jahre gewandelt hat. Die Bilder verdeutlichen jedoch unabhängig von ihrem zeitlichen Kontext durchweg die Möglichkeit mit ihnen eine bestimmte Absicht bzw. Realität erzeugen zu wollen.

Inwiefern hat sich Ihrer Meinung nach die visuelle Berichterstattung zum Terror in den letzten Jahrzehnten verändert, kann man von so etwas wie einer gleichbleibenden Bildsprache über die Zeit sprechen? Welche Position nimmt hierzu die Ausstellung ein?

E. K.: Wie die Ausstellung erkennen lässt, hat sich die Berichterstattung über den Terror doch sehr schnell geändert, wesentlich bedingt durch den Wandel der Medien (und dieser geht ja weiter). Bei der Geiselnahme in München, 1972, war die Weltpresse wegen der Olympiade zwar in München, und auch das Fernsehen hat in Teilen unmittelbar berichtet, doch das lässt sich schon nicht mehr mit der Echtzeitberichterstattung aus New York anlässlich des Angriffs auf die Twin-Towers vergleichen, bei der das Fernsehen eine wesentlich bedeutendere Rolle spielte als noch in München. In New York war man vier Minuten nach dem Einschlag des ersten Flugzeuges in den ersten Turm auf Sendung. Von da an konnte die Weltöffentlichkeit das weitere Unheil ohne Zeitversetzung mitverfolgen. Schon das deutet auf die Verlagerung der Berichterstattung hin, weg von den Printmedien zu den elektronischen Medien, die inzwischen den Ton angeben. Dass die Ausstellung das ohne didaktischen Zeigefinger veranschaulicht, ist eine ihrer Stärken.

Nach meiner Einschätzung – und das wäre ein weiterer Punkt hinsichtlich der Veränderungen – wird heute mehr Rücksicht auf die Opfer des Terrors genommen. Zu Zeiten der RAF übernahmen die Medien die Bilder der Terroristen, die sie von den gefangenen Prominenten gemacht haben und mit denen sie die Politik erpressen wollten (sie machten sich gewissermaßen zu Handlangern des Terrors). Das kommt so heute nicht mehr infrage, wenn Geiseln genommen werden.

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Die Darstellung medialer Rezeption des Terrors ist sehr breit gefächert und reicht von großformatigen Drucken über Videoinstallationen zu Collagen und „interaktiven Pressefotos“ – deren Rückseite durch ausklappbare Rahmen dem Besucher weitere Informationen eröffnet.

Unheimlich vertraut’ ist die erste Ausstellung, die c/o selbst kuratiert hat. Für eine Fotoausstellungen sind die Präsentationsformen extrem vielfältig und bisweilen experimentell, so z.B. wie die Hängung der Pressefotos in aufklappbaren Rahmen oder die Integration von Videoinstallationen. Finden Sie das kuratorische Konzept gelungen?

E. K.: Die Ausstellung folgt nach meinem Verständnis heutiger Ausstellungspraxis, indem sie sich nicht auf ein Medium oder eine Präsentationsform beschränkt, sondern multimedial und ausstellungstechnisch variabel eingerichtet worden ist. Das ist gut nachvollziehbar, da wir in einer Welt leben, in der uns die verschiedensten Medien täglich in vielfältigsten Mischungen begegnen. Dem kann sich niemand entziehen, und es ist auch nicht einzusehen, warum dem nicht auch in Ausstellungen Rechnung getragen wird. In diesem Fall spricht allein das vorgegebene Thema dafür, denn wir erleben das Phänomen Terror in eben dieser medialen Vielfalt. Folglich reicht die Bandbreite der Exponate von Zeitungs- und Zeitschriftendrucken über die Originalfotografien bis zu aktuellen Übertragungen in heutige, auch künstlerische Präsentationsformen mit selbstredend anderen Aspekten der Rezeption.

Die von C/O entwickelten Klapprahmen, die es erlauben, auch die Rückseiten der Fotografien einsehen zu können, halte ich für eine lobenswerte Innovation. Es finden zwar immer mehr Pressefotografien in musealen Ausstellungen Verwendung (teils schon mit der Intention, ihnen das Prädikat Kunst zu zusprechen), bislang wurde aber davon abgesehen, auch die Rückseiten zu zeigen. Nicht von ungefähr muss immer wieder auf den Kontext verwiesen werden, in dem Bilder stehen, wenn es um Interpretation geht. In dem Zusammenhang geben die Rückseiten der Fotografien gewisse Aufschlüsse über eben den konkreten Zusammenhang, in dem die Fotografien veröffentlicht wurden. Denn in der Regel wird auf den Rückseiten neben dem Autor und der Bildlegende auch angeführt, wo und zu welchem Zeitpunkt die Fotografie veröffentlicht wurde. Neben dem Klappmechanismus halte ich die einfache Form, die Fotografien zwischen zwei Glasplatten zu legen insofern für angemessen, als diese keine durch Passepartouts erzielte Überhöhung und damit ästhetische Aufwertung erfahren.

Bildnachweise:

(01) G.R.A.M. „Nach Motiven von…“ . 2001 . Courtesy Christine König Galerie, Wien

(05) Michael Schirner . Bye Bye . IWO45 . Digigraphie by Epson . 2006-2009

(02) Thomas Hoepker/Magnum   Blick von Williamsburg auf Manhattan . Brooklyn . 11. September 2001

 

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