Cinemagraphs

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© Marcel Meyer

Sicherlich ist jeder schon einmal über diese vermeintlichen Fotos gestolpert, in denen das Abgebildete plötzlich lebendig wurde; in denen ein Augenaufschlag oder ein flatterndes Kleid irritierten, während der Rest des Bildes eingefroren blieb.

Der Name „Cinemagraph“ vereint diese fotografischen und filmischen Eigenschaften und lässt sich (etwas metaphorisch) wie folgt beschreiben:

„Cinemagraphs capture a delicate part of life and capture the fleeting moments of time, the beat of a city or the breath of a human. It is alive and lives forever whereas a photo is frozen and a video is a linear description of time and can only be engaged through the act of pressing play. A picture says a thousand words but a Cinemagraph takes you there. — Kevin Burg und Jamie Beck“

Die beiden Vorreiter und Namensgeber der Cinemagraphs Kevin Burg und Jamie Beck geben gerne Auskunft über die Eigenschaften dieser Hybridform, den Ursprung und die technischen Grundlagen und warum ausgerechnet Tumblr wesentliche Impulse für die Entwicklung gegeben hat.

Bisher hielt ich an dieser Form vor allem die Werbung interessiert, die damit im Internet potenzielle Kunden besser auf sich aufmerksam machen kann. Gerade die Modeindustrie und ihre Blogger griffen die Idee im letzten Jahr auf.

Parallel sind die Cinemagraphs aber auch in der Kunst angekommen, wie sich an dem Fotografen Marcel Meyer sehr gut verdeutlichen lässt. Wirft man einen Blick auf sein Portfolio, wirken viele Serien nicht inszeniert oder konzeptuell. Das Gegenteil ist jedoch bei seiner aktuellen Arbeit „My Favourite Childhood Nightmares“ der Fall: für seine fotografische Reise an die Orte seiner Albträume aus der Kindheit nutzte er das analoge Aufnahmeverfahren, erstellte Cinemagraphs, filmte die Erstellung beider Verfahren, machte ein Buch aus den Aufnahmen und präsentierte dieses wiederum als kleinen Stop-Motion-Film auf seiner Internetseite. Zum einen zeigt er damit, wie gut sich analoge und digitale Fotografie miteinander verbinden lassen und deckt zum anderen damit die wichtigsten Formen der fotografischen Aufbereitung und Distribution ab.

© Beide:  Marcel Meyer

Dabei stellt sich mir die Frage, inwiefern gerade die wirklich gelungene Serie „My Favourite Childhood Nightmares“ durch die bewegten Anteile im Bild profitiert. Braucht der Betrachter tatsächlich diesen deskriptiven Part der Animation, auf den die analoge Aufnahme bereits verweist? Nimmt man dem Betrachter ein Stück der Fantasie und Vorstellung dessen, was genau der Albtraum sein könnte? Marcel Meyer selbst meint dazu, dass eine gänzlich neue Form des Erzählens entstünde, die vor allem die individuelle, unterschiedliche Rezeption stärke:

„Der Bildaufbau meiner Cinemagraphs soll in Verbindung mit ihrer unendlichen Bewegung den Betrachter in sich hineinziehen. Hier wird er dann ‘je nach seinem persönlichen Wesen und seinem Kontext’ eine individuelle Geschichte erleben. (…) Meine Bilder scheinen sich auf ihrem Weg vorwärts verlaufen zu haben und irren nun in der Unendlichkeit umher, auf der Suche nach Erlösung. Darin liegt ihre ganz eigene Melancholie – liegt ihr Zauber.“

Letztlich wünsche ich mir mehr dieser cinemagraphischen Arbeiten mit künstlerischem Anspruch, und nicht die bloße Spielerei. Im Sinne von Susan Sontag (auf die Marcel Meyer auch verweist); da „das fotografische Sehen unentwegt durch thematische oder technische Schocks erneuert werden müsse, um den Eindruck des Bruchs mit dem Gewöhnlichen Sehen zu vermitteln.“ (aus: Susan Sontags Essay „Der Heroismus des Sehens“).

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