3. Lumix Fotofestival in Hannover. Ein Bericht.

©Liz Hingley-Under Gods Stories from Soho Road
 A Muslim family of three children in the backyard at home. Their Islamic dress is only worn for the daily mosque class they attend after school. Aus  „Under Gods – Stories from Soho Road“, Liz Hingley / LUMIX Festival

Zwei goldene Regeln haben meinen Besuch auf dem diesjährigen LUMIX-Festival geprägt:

„No Black & White and No poverty“

Diese Leitsätze, berichtete der Bangladeschi Munem Wasif in seinem Vortrag am Donnerstag, predige er seinen Studenten. Sie geben sicher Raum für Diskussion, aber ich würde sie zu 100 Prozent unterschreiben.
Die folgenden Arbeiten, die im Sinne von Wasifs Mantra konzipiert und ausgeführt sind, haben mir besser als alle anderen gefallen:
Under Gods von Liz Hingley. Hingley hat die unterschiedlichen Glaubensrichtungen in ihrer Heimatstadt Birmingham dokumentiert und analysiert – und zwar ausgehend von der Straße, in der sie aufgewachsen ist: der Soho Street. Nicht nur die Anwohner und ihre Umgebung sind wunderschön fotografiert – sanftes Licht und klare Umsetzung – sondern das Thema ist zudem gut recherchiert und die Umsetzung abwechslungsreich. So bekommt man den Eindruck, dass die Realität in der Soho Street komplexer ist, als es in den Medien thematisiert wird und einzelne Schicksale mehr zählen als allgemeine und einfache Begriffe wie „Muslime“, „Christen“, „Zeugen Jehovas“ oder „Bhuddisten“. Das klingt nach Stringenz und viel Recherche-Aufwand. Ein Ansatz, der, wie ich glaube, stets interessante Foto-Essay‘s ermöglicht.
(http://www.lizhingley.com/work/under_gods/ , aufgerufen am 18.6.2012)
Beeindruckend auch, die mehrfach ausgezeichnete Arbeit The Distance Between Us von Christopher Capozziello.

 
„I don´t see my brother like this often. Even when he´s in the midst of a cramp, I´ve seldom seen him this powerless and afraid. After his surgery, we all wondered what was would happen, whether all he´d just been through would be worth it. Aus „The Distance Between Us“ , Christopher Capozziello / LUMIX Festival

Capozziello‘s Geschichte ist ein intimes Tagebuch über das Leben seines geistig und körperlich behinderten Zwillingsbruders. Über zehn Jahre hat der Amerikaner seinen Bruder Nick fotografiert. Fotos und Texte bringen uns in unmittelbare Nähe zu dem Portraitierten und seiner Geschichte. Man versteht, wie der Fotograf durch das Fotografieren versucht, mit seinem Bruder zu kommunizieren. Man erkennt die enge Verbindung, die durch das geteilte Schicksal entstanden ist und gleichzeitig, wie unterschiedlich die Brüder leben. Wie die Fotografie Capozziello über die Jahre geholfen hat, die Krankheit seines Bruders zu thematisieren, so scheint das Projekt aber auch Nick zu helfen, der von seinem Bruder sehr sensibel einbezogen wird. Beispielhaft hierfür ein Kommentar des Fotografen zu einem der Bilder, das Nick auf einer Ausstellung von „The distance between us“ zeigt. Capozziello schreibt:

„We were out tonight at a small gallery opening where my collective had our first group show. The theme: Foreign and Familiar, seemed to fit Nick´s and mine relationship well, so I put up a handful of photographs of him. I was worried how he would react, even though we had already talked about this, and he seemed excited about it. He enjoyed talking to people at the opening about his experiences. I think anything that gets him out of Mom and Dad´s house and puts him around others is a good thing. By the time we get home, he´s got a cramp, and I need to help him inside and into bed.“
(http://www.chriscappy.com/feature_tdbu_images.php , aufgerufen am 18.6.2012)

 
Fort Jackson, Columbia, South Carolina. Combat life-saving training. Aus „Disco Sept. 11“, Peter van Agtmael / Magnum / LUMIX Festival

Einen der stärksten Beiträge hat der mit LUMIX Award 2012 ausgezeichnete Peter van Agtmael mit seiner Arbeit Disco Sept. 11 beigesteuert. Aus der Jury-Begründung:

„Seine Arbeit ist eine Aufzeichnung von Augenblicken aus der Zeit, in der Peter van Agtmael auf einem schmalen Pfad wanderte – zwischen seiner naiven Faszination, die er als Kind für den Krieg empfand, und der Brutalität, die er später als Kriegsfotograf im Irak und Afghanistan erlebte.“

Meines Erachtens sagt das viel mehr über die Arbeit eines Kriegsfotografen aus, wenn er sich nicht scheut, die Metaebene seiner eigenen Erfahrungen, Anschauungen und Ängste als Teil seiner Arbeit zu thematisieren – jenseits des Mythos einer objektiven Berichterstattung.

Ebenfalls viel auf den Punkt brachte die AP Fotografin und Pulitzer Preis Gewinnerin Anja Niedringhaus am Samstag: In ihrem zweistündigen Vortrag wurde klar, was „im Krieg sein“ für sie in den letzten 10 Jahren bedeutete. So erzählte sie an Hand ihrer Bilder – darunter zahlreiche unveröffentlichte – von ihren „Embeds“ innerhalb der US-Armee (u.a. auch, dass sie eigentlich niemals einen „Embed“ hatte machen wollen). Eindrucksvoll ihre Erfahrungen in den Hubschraubern der amerikanischen Medical Evacuation-Teams in Afghanistan, die – oftmals unter Beschuss – verletzte Soldaten aus dem Gefecht evakuieren. Sehr reflektiert sprach sie über das ethische und persönliche Dilemma, Soldaten in existenziellen Situationen nach Model Releases fragen zu müssen. Zutiefst menschliche Reflexe kämen oftmals vor dem Fotografieren, sagt sie. So packte sie mit an, wenn ein verletzter Soldat an Bord des Hubschraubers kam, schnitt mit der einen Hand Hosen und Schuhe auf, während sie mit der anderen fotografierte. Während sie spricht, wirkt Niedringhaus genauso herzlich wie abgeklärt, die professionelle Distanz scheint ihr in Mark und Bein übergegangen. Und man fragt sich ernsthaft, ob sie fassungslos mutig oder lebensmüde ist, wenn sie berichtet, wie sie sich zu Kriegsbeginn von allein in der irakischen Wüste aussetzen lies.  Nur ein einziges Mal, erzählt sie, lies sie der Fall eines schwer verletzten Soldaten nicht los: Der Fall des Soldaten Britt Branson, der, wie viele andere, vor ihren Augen ins Koma fiel, den sie, zurück in Deutschland, über Facebook aufspürte und mit Nachrichten überschüttete, nur um ihm einen halbes Jahr später in einem amerikanischen Krankenhaus die Fotos zu zeigen, die sie in Afghanistan von ihm gemacht hatte. (http://www.masslive.com/news/index.ssf/2011/12/war_photographer_anja_niedring.html, aufgerufen am 18.6.2012). Zuletzt berichtet Niedringhaus von ihrem Wunsch, wenn es überhaupt möglich wäre, ein Embed bei den Taliban zu machen – ein Wunsch, der zeigt, dass sie gern alle Seiten einer Geschichte erzählen würde.

Niedrighaus‘ Vortrag, zweifelsohne ein Highlight des Festivals, verlies man nicht nur mit der Frage: „Haben Sie jemals Angst, Frau Niedrighaus?“ sondern gab auch zu rätseln über die Paradoxa des Lebens einer Agenturfotografin: Mitten in ihrem Bericht aus Afghanistan, direkt nach Bildern aus einem afghanischen Not-Op-Saal begegneten uns plötzlich Fotos jubelnder der Sieger aus Wimbledon – Niedrighaus hatte gerade das Schicksal des Soldaten Britt Branson fotografiert, als ihr einfiel, dass sie gebucht war, wie jedes Jahr, das legendäre Tennisturnier zu dokumentieren. Das muss man erst ezinmal verkraften.

Ich würde nur allzu gern alle meine Favoriten hier vorzustellen. Aber um kurz zu bleiben, erwähne ich nur noch kurz die Arbeiten einiger deutschen Fotografen, die ich interessant fand: Jonas Ludwig Walter, Ostkreuzschuler: „NowIHere“ (Arbeit der Abschlussklasse 2010); Marcus Reichmann: „Leaving is Easy If You Have a Place to Be“, Stefan Koch: „Meine Quelle“ und Jonas Wresch: „Immobilis – Eigenheim Wohnwagen“.

 
Von seinem Herzinfakt vor einigen Jahren hat sich Bernd Bielke wieder so weit erholt, dass er gut fur seine kranke Frau sorgen kann. Aus „Immobilis – Eigenheim Wohnwagen“, Jonas Wresch / LUMIX Festival

Andere spannende Arbeiten waren:
Salvatore Esposito: „Drug and Micro-Criminality in Scampia“,  Andrea Gjestvang: „Everybody Knows this Is Nowhere“, Annie Ling: „81 Bowery“, Julien Pebrel: „Nagorno-Kabakh: Twenty Years of Unrecognized Indipendence“,  Peter DiCampo: „Life Without Lights“, Konstantin Salomatin: „The End“ und Nathalie Mohadjer: „Zwei Bier für Haiti“.

Nizhny novgorod region, Diveevo district, Kremenky settlement, Russia . Alexey Bronnikov  mows grass. Aus „The End“, Konstantin Salomatin / LUMIX Festival
 
Über das Festival:
 
Das Lumix Fotofestival wird seit 6 Jahren vom Studiengang Fotojournalismus und Dokumentarfotografie der Hannoverischen Hochschule veranstaltet, beeindruckend ist die Professionalität, der Anspruch und die Atmosphäre, sie wirkt sehr freundlich und seriös. Von 1170 Bewerbungen wurden die 60 besten Reportagen ausgestellt, von 189 Multimedia Bewerbungen wurden 22 ausgewählt. Die Projekte wurden  von einer Jury gewählt, die aus folgenden Personen bestand: Stephanie Bunk, Kutz Fischmann und Paula Tamm  von der FREELENS-Galerie im Hamburg,   Prof. Rolf Nobel, Fotografie-Professor an der Hochschule Hannover  und  Isabel Winrasch (Leiter und Organisatorin des Festivals). Die komplette Liste der Gewinner ist unter www.fotofestival-hannover.de einzusehen, und alle gehaltenen Vorträge werden demnächst auf der Internetseite zu sehen sein. Das Lumix Fotofestival ist ein von Fotografen für andere Fotografen organisiertes Festival, um der jüngeren Erkennung deren Job zu geben und ihnen weiter zu helfen, sich im Beruf zu etablieren. FREELENS ist der Berufsverband von Fotojournalisten der sich seit fast 20 Jahren “auf menschlicher, politischer und kultureller Ebene für Fotografen einsetzt” (Quelle http://www.freelens.com/freelens aufgerufen am 18.6.2012). Sie verleihen den Lumix Preis im Wert von 10.000 Euro während des Festivals (dieses Jahr gewann Peter van Agtmael mit Disco Night Sept. 11). Eines der interessanten Projekte von FREELENS ist the FREELENS Foundation, die Fotografen in Entwicklungsländern hilft, sich als Fotografen zu etablieren, mithilfe von finanzieller Unterstützung für ihre technische Ausrüstung. Bei dem Festival konnte man von ausgewählten ausgestellten Projekten Ausdrucke kaufen, um das jeweilige Projekt zu unterstützten. (http://freelens-foundation.org/) Die Fotografie Schule der Hochschule von Hannover ist eine der besten Fotografie Schulen Deutschlands und man hat den Eindruck, eine die mehr Praxis-orientiert arbeitet. Sinnvoller und pragmatischer Ansatz. Zu sehen ist dies auch in der Qualität der Arbeiten die sicher von einem beruflichen Feedback sehr profitieren. editforthemasses war fürs erste Jahr dabei. Die Fotografen-Vorträge, die Ausstellungen und die Begegnungen mit den austellenden Fotografen haben uns total begeistert, und hier wollte ich meine Eindrücke wiedergeben. 
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