Wahrheit, Fälschung, Missverständnis?

Anlass für Diskussion bietet dieses Bild von Paolo Pellegrin © Paolo Pellegrin/Magnum Photos

Paolo Pellegrin hat vor kurzem mit einem Fotos aus seinem Essay “The Crescent” über die Stadt Rochester in den USA die begehrten Preise World Press Photo und Picture of the Year gewonnen. Nun entfachte ein auf Bag News Notes erschienener Artikel eine Diskussion über die Authentizität eines Fotos aus dem Essay. Die Tatsache, dass weitere Bilder dieses Essays auch im Magazin der Wochenzeitung Die Zeit erschienen sind, bringt die Diskussion auch über den Atlantik.

Die Beschreibung im Zeitmagazin bietet eine Kurzbeschreibung der Arbeit von Paolo Pellegrin:

“Rochester im US-Bundesstaat New York: Von der prächtigen Vergangenheit der Stadt ist nicht mehr viel übrig. Der Niedergang der Industrie lässt ganze Straßenzüge verfallen, für Arbeiter gibt es keine Jobs mehr, ein ganzer Bezirk kennt nur noch Drogen, Gewalt und Armut. Im Nordosten lebt niemand, der es sich leisten kann, wegzuziehen. Für die, die bleiben, ist es ein täglicher Kampf ums Überleben. Fotograf Paolo Pellegrin war für das ZEITmagazin in Rochester.” (Quelle: zeit.de)

Zunächst die Kritik von Bag News Notes am oben abgebildeten Bild:

When Reality Isn’t Dramatic Enough: Misrepresentation in a World Press and Picture of the Year Winning Photo

Die Kurzzusammenfassung: Neben der Tatsache, dass der Abgebildete nicht – wie angegeben – ein Scharfschütze der US-Marine Corps war, sei auch der Ort, an dem das Foto gemacht wurde, falsch angegeben. Der Abgebildete war kein Anwohner des Teils von Rochester, der von Paolo Pellegrin porträtiert wurde.

Unter folgendem Link nimmt Paolo Pellegrin auf der Website der National Press Photographers Association (NPPA) Stellung zu den Vorwürfen:

Paolo Pellegrin Responds To Claim Of Misrepresented Winning World Press, POYi Photos

Er gibt an, voll und ganz hinter den Angaben seiner Fotos zu stehen. Er habe vor Ort einen Begleiter gehabt, der ihn herumgefahren hätte und ihm Orte gezeigt hätte, die für seine Arbeit interessant sein könnten. Solche “Türöffner” sogenannte Stringer sind für Fotografen oft notwendig, um entsprechenden Zugang zu Personen, Kreisen oder Örtlichkeiten zu erlangen, die ihnen unbekannt sind. Dass man sich dabei auf die Aussagen des Stringers verlassen muss, ist unumgänglich und durchaus journalistische Praxis. Dass es hin und wieder zu inhaltlichen Missverständnissen kommen kann, sieht Pellegrin ein. Er sieht auch ein, dass die Bezeichnung “Scharfschütze” wohl auf ein solches Missverständnis zurückzuführen ist, nicht aber der Fakt, dass der Abgebildete tatsächlich Teil der Marine Corps ist.

Diese Meinungsverschiedenheit macht vor allem ein Dilemma der journalistischen Fotografie deutlich, wie es auch in der Verteidigung von Paolo Pellegrin deutlich wird. Fotografen beschriften ihre Bilder nach bestem Wissen und Gewissen. Sie verlassen sich dabei auf Aussagen von Personen vor Ort und müssen diesen vertrauen.

Die Beschreibungen, die von Fotografen in die Bilder integriert werden, sind jedoch in den wenigsten Fällen als Bildunterschriften zu sehen. Sie dienen vielmehr dem Zweck, Fotoredakteure über den Inhalt des Bildes in Kenntnis zu setzen. In den meisten Fällen werden Bildunterschriften in den Redaktionen von Textredakteuren erstellt, die entweder die begleitende Geschichte geschrieben haben oder der fotografischen Arbeit einen Kontext geben.

Der Plagiats-Vorwurf, der an Pellegrin gerichtet wird, ist zudem komplett zu verwerfen, denn seine Beschriftung darf nicht als Veröffentlichung gesehen werden, sondern vielmehr als eine mehr oder weniger “interne” Information.

Sicherlich weißt die Arbeit von Paolo Pellegrin an den besagten Stellen eindeutig Fehler auf, doch Fehler und deren Korrektur sind möglich und verzeihbar. Was die falschen Angaben zu dem Porträt betrifft, sollte man sich fragen, warum nicht zuerst der Fotograf gefragt wird, wenn Unstimmigkeiten im Bild festgestellt werden, bevor man – möglicherweise aus Missgunst heraus – Anschuldigungen macht, die möglicherweise gar nicht im Interesse bzw. Bewusstsein des Fotografen waren.

Stellung zu den Vorwürfen nahmen auch Barbara Bufkens von World Press Photo und Rick Shaw von Picture of the Year International:

“World Press Photo’s press officer Barbara Bufkens today told Olivier Laurent of the British Journal of Photography, “We are currently conducting our own independent fact checking and research into the backgrounds of all prizewinning pictures and stories. The aim is to verify the information provided in the entries, and it involves contacting the photographers to confirm facts regarding all the images. This is standard procedure for all winners and will include verifying the circumstances of the picture in question.”

POYi director Rick Shaw responded, “Pictures of the Year International respects the integrity of all the photojournalists and we have confidence that the journalistic ethical values apply when submitting entries to the annual POY competition. POY will not presume any lapse of ethics or review any situation until we get a position statement from the photographer and review all the allegations.” ” (Quelle: nppa.org)

 

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  1. Carla Rosorius sagt:

    Danke für Ihre ausführliche Kritik, ich sehe allerdings nicht derart große Unterschiede in unserer beider Wahrnehmung des Vorfalls.

    Es handelt sich bei meinem Artikel um die Darstellung der Diskussionsabläufe, zu denen ich mich am Ende auch wertend äußere.
    Sicherlich waren es journalistisch handwerkliche Fehler, die Pellegrin gemacht hat, wie etwa die falsche Ortsangabe.

    Dass ein inszeniertes Porträt im Nachhinein vom Abgebildeten kritisiert wird, weil er möglicherweise realisiert, falsch dargestellt zu werden, ist bei schwierigen Sachlagen manchmal nicht zu vermeiden. Allerdings bin ich weiterhin der Ansicht, dass die von Pellegrin eingegeben Dateininformation keine Veröffentlichung darstellt und deswegen auch nicht als Plagiat gewertet werden kann.

    Auch ich sehe in der Arbeit von Pellegrin und seinem Vorgehen Kritikpunkte und Schwierigkeiten, die ich auch benenne. Ich denke nur, dass verschiedene Faktoren bei dieser Sache eine Rolle spielen, um sich hierbei eine Meinung zu bilden.
    Ich freue mich allerdings, dass bei diesem kontroversen Diskussionsthema nun verschiedene Meinungen auf diesem Blog versammelt sind, aus denen man sich seine eigene machen kann.

  2. Rolf Nobel sagt:

    Ganz so einfach, wie es sich die Autorin Carla Rosorius in ihrem Beitrag macht, stellt sich die Sachlage denn doch nicht dar. Mal abgesehen davon, dass sie den Kritikern von Paolo Pellegrin »möglicherweise aus Missgunst« unredliche Motive unterstellt, enthält der Text auch inhaltliche Fehler.
    Hintergrund der Arbeit Pellegrins war ein Projekt von mehreren Magnum-Fotogafen über die US-Stadt Rochester. Paolo Pellegrin hatte sich dabei auf das Problem-Viertel Crescent konzentriert, ein Stadtteil mit einer überdurchschnittlichen Verbrechensrate. Morde und Drogenhandel gehören hier zum Alltag. Das Rochester Institute of Technolgy (RIT) hatte die Magnum-Fotografen bei ihrem Projekt unterstützt und ihnen unter anderem Fotostudenten als Assistenten vermittelt. Als Paolo Pellegrin für dieses Projekt Portraits von Waffenbesitzern fotografieren wollte, hatte sein Assistent den Kontakt mit einem Kommilitonen hergestellt, der mehrere Schusswaffen besaß. Shane Keller, Waffenbesitzer und damals noch Fotografiestudent am RIT, war damit einverstanden, sich von Pellegrin portraitieren zu lassen.
    Dass Pellegrins Foto nicht wie ein inszeniertes Portrait daher kommt, sondern eher als szenisches Reportagefoto, sei nur am Rande erwähnt. Dramatische Lichtführung, das Umfeld (eine Garage) und das linke angezogene Bein lassen die Szene erscheinen, als würde hier ein Gangmitglied mit einer Pumpgun durch das Viertel streifen. Dass dem Protagonisten diese Darstellung seiner Person nicht gefällt und er sich falsch interpretiert fühlt, kann man nachvollziehen.
    In den Dateiinformationen des Fotos wird der Aufnahmeort als Crescent dargestellt, tatsächlich liegt Shane Kellers Wohnhaus, in dessen Garage es entstanden ist, 6 Kilometer davon entfernt. Paolo Pellegrin erklärte es später damit, dass er bei der Fahrt mit seinem Assistenten die Orientierung verloren habe. Hätte die einfache Frage, »Sind wir hier in Crescent?« nicht aber jedes Missverständnis beseitigt und spielt die korrekte örtliche Zuordnung nicht gerade bei einer Reportage über ein solch problematisches Viertel eine wichtige Rolle?
    Außerdem hat Paolo Pellegrin Shane Keller im Bildtext als ehemaliges Mitglied eines Marine Sniper Corps bezeichnet, tatsächlich war der junge Mann bei den Marines aber Militärfotograf gewesen und zum Zeitpunkt der Aufnahme noch Fotostudent. In der von Magnum verbreiteten Erklärung Pellegrins hält der diesbezüglich einen Versprecher von Shane Keller für möglich, aber auch, dass er ihn falsch verstanden habe.
    Der dritte Kritikpunkt betrifft das Kopieren eines Ausschnitts aus einem 1o Jahre alten Artikel der New York Times in die Dateiinformationen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wäre ein Hinweis auf die Quelle und das Erscheinungsdatum enthalten. Angesichts des Umfangs der Textpassage hätten auch diese Infos wohl noch Platz gefunden. In diesem Fall wäre jedem Nutzer jedenfalls klar gewesen, dass die in dem Text enthaltenen statistischen Zahlen aktualisiert werden müssen. Das Argument von Autorin und Fotografen, dass die Textpassage nur der Hintergrundinformation, nicht aber der Veröffentlichung dienen sollte, wird schon dadurch ad absurdum geführt, dass dieser alte Text bei der Veröffentlichung von World Press Photo offenbar als fundierter und aktueller Bildtext angesehen und tatsächlich veröffentlicht wurde.
    Natürlich können einem Fotografen, auch einem so ausgebufften Profi wie Paolo Pellegrin, Fehler bei den Captions unterlaufen. In einem solchen Fall erwarte ich dann aber auch eine etwas reumütigere Reaktion auf die Kritik und nicht eine solch arrogante, wie sie aus der veröffentlichten Erklärung spricht. Was wir aber daraus lernen müssen – und das betrifft auch die Verantwortlichen von World Press Photo und Press Photographer of the Year – ist, dass eine dem Foto an die Seite gestellte Caption die gleichen ethischen Kriterien zu erfüllen hat, wie das Foto selbst.

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